Handwerk Made in Germany

Matthias Knust - Fotografie fotografiert Blaumann Jeans

Blaumann Jeans & Box-Werk Custombikes Interview – Handwerk Made in Germany

Was die Hände schaffen beginnt als Idee, die Leidenschaft für etwas trägt die Idee. Handwerk Made in Germany lebt weiter.

In Zeiten, in denen sich überwiegend und zunehmend Arbeitsplätze in sitzender Position entwickeln, sind die feinen Ideen und die handwerkliche Umsetzung dieser, bei vielen qualitätsbewussten Menschen durchaus willkommen und das Interesse daran wächst enorm. Als ich im Jahr 2012 das erste Mal bei Mustang Jeans auf Guido traf, er ist einer der Macher von Blaumann Jeans, konnte ich noch nicht erahnen, dass ich im Jahr 2016 mit voller Begeisterung und im erlebten Selbsttest, mich für „Mode“ besser gesagt für tolle Kleidung mit Stil interessiere. Es geht nicht um die Ware, die nach einem Quartal entsorgt wird, eher die Qualität, die einem Freude bereitet und auch nach Jahren noch nicht aufgebraucht ist.

Ähnlich erging es mir mit Marcel, er steht aktuell neben seiner Tätigkeit als Tischlermeister für das Projekt Box-Werk Custombikes. Wir kennen uns bereits über viele Jahre privat, über Motorräder sprachen wir nie, aber über den Rock’n’Roll, so kam es vor gut 3 Jahren zu einem Treffen auf der Kustom Kulture Forever in Herten. Nebenbei, ein toller Ort für alle, die nicht auf die alten Konventionen beharren und neue Einflüsse zulassen, ab diesem Zeitpunkt holte mein Kopf mein Herz ab und ich war fasziniert von der Welt, die Motoren, Kleidung, Musik, Sport und das Leben miteinander verbindet. Hier geht der Selbsttest soweit, Krafträder mit eigenen Händen auseinander zu nehmen und später wieder zusammenzusetzen, eine Schraube bleibt merkwürdigerweise immer übrig.

Folglich war es richtig diese beiden spannenden Projekte besser kennenzulernen und etwas genauer hinzusehen. Im September fotografierte ich mit Blaumann Jeans und dem Team Box-Werk Custombikes eine Kampagne, die allen genau diesen Gedanken vor Augen führte. Auf der einen Seite das Motorrad, welches mit den Händen gestrippt wurde und mit eigenen Ideen und Vorstellungen plus viel Herzblut wieder zusammengesetzt wurde und auf der anderen Seite die Vision, die Handwerkskunst Denim wieder in Deutschland aufleben zu lassen. Beide Ideen wurden in die Tat umgesetzt und fanden bei diesem Shooting zusammen.

Nach dem Shooting haben wir zusammengesessen und uns über die Ideen und die Zukunft beider Projekte unterhalten.

Matthias Knust – Fotografie MKF: Ideen kommen und wachsen. Entstehen Ideen bei Euch etwas zu kreieren aus heiterem Himmel oder steht da ein Businessplan davor, der die Idee ein Stück steuert?

Box-Werk Custombikes: Einen Businessplan haben nicht, alles ist recht überschaubar. Die Bikes werden mit Weitsicht aus den Scheunen, Garagen oder Kellern befreit und dann für die Umbauten vorbereitet. Ein Businessplan ist ein Traum für die Zukunft, klingt erstmal sehr nach BWL, aber wenn man einen Businessplan auflegt hat man bereits weitere Ziele vor Augen, es geht bei uns zur Zeit um den Feierabendspaß, ohne Druck zu haben, wir wollen starke Ergebnisse zusammenzuschrauben. Es geht um Bikes, die wir selber mögen und auch fahren wollen.

Blaumann Jeans: Businessplan ist witzig. Nicht wirklich. Wir haben das Ding als Hobby gestartet und arbeiten hauptberuflich in unseren Jobs. Unser Bestreben war es bis jetzt, keine Miesen zu machen und nur Klamotten zu produzieren, die wir selbst anziehen. Das war bis jetzt der einzige Luxus. Miese haben wir keine gemacht. Das erlöste Geld steckt halt alles im Produkt und Material. Am Anfang war es tatsächlich so, dass wir gesagt haben: „laß mal sowas machen, oder sowas“. In unseren Köpfen schwirrten Latzhosen, Overalls etc. herum. Das haut einem, aber sofort die Tageskapazitäten in der Näherei kaputt, die wir für unsere Standardartikel mittlerweile benötigen, da diese Artikel täglich abverkauft werden. Deshalb haben wir jetzt einen Punkt erreicht, wo wir um Businessplan, Struktur und effektive Dispo nicht mehr herumkommen. Der erste Schritt war die Zusammenarbeit mit einem Logistiker, der uns die Lagerführung, Versand, Rechnungsstellung und auch Mahnwesen abnimmt. Jetzt folgt die Feinplanung.

Das schränkt natürlich die Kreativität und den Freiraum ein. Aber für ein Spassteil, die Lieferzeiten von einem Standardteil unnötig zu verlängern, macht auch keinen Sinn.

Blaumann Jeans und Box-Werk Custombikes

Matthias Knust – Fotografie MKF: Wie seid Ihr zu euren Tätigkeiten gekommen, alles handwerklich von der Pike auf gelernt?

Blaumann Jeans: 3 von uns sind Textiler. Wir arbeiten alle in der Jeansbranche seit den 90ern und früher. Über das Business haben wir uns auch kennengelernt.

Es wäre einfacher für uns gewesen eine „Marke“ in Tunesien, der Türkei oder gleich in China produzieren zu lassen. Auch in kleinen Stückzahlen, die Kontakte haben wir. Nur wäre das nicht gerade besonders spannend für uns gewesen. Hätte auch niemanden interessiert, wenn noch jemand Jeans aus „Made in Irgendwo“ anbietet.

Box-Werk Custombikes: Hauptberuflich bin ich Tischler mit eigener Werkstatt in Oldenburg. Was die Zweiräder angeht, begann es im Weserbergland am Waldrand wohnend. Mit einem BMX Rad von Hertie. Ich lernte mit meinen Freunden Tricks mit dem Sportgerät zu bestehen. Als die Welle vorbei war wurde es spannend als mein Vater eine alte vergammelte Mofa Zündapp ZD 20 anschleppte, die erste Zündung für meine Hobbyschrauberkarriere. Total geil, wenn ich darauf zurückblicke. Es folgten erste Basteleien, die alleine über die Bühne gingen, später half mir ein älterer Herr aus der Nachbarschaft, bei dem ich Schraubertricks mit den Augen und Ohren stahl. Weiter konnte ich sehr viel über meine Onkels erlernen, alle sehr versierte Schrauber. Für mich als damaligen jungen Bengel, ich war damals 14 Lenze jung, war das großartig. Mit 15 dann endlich ein Mofa. Für mich gab es ab diesem Zeitpunkt nur noch fahren, schrauben, fahren, schrauben und so weiter. Über die Jahre erlang ich dann noch die notwendigen weiteren Berechtigungen zum offiziellen Bewegen größerer Motorräder. Mein handwerkliches Wissen wurde immer fundierter auch durch ständigen Austausch mit gleichgesinnten Hobbyschraubern und auch Profis.

Matthias Knust – Fotografie MKF: Wie sieht bei Euch ein gestalterischer Prozess aus, wie werden neue Projekte auf den Weg gebracht?

Blaumann Jeans: Wir orientieren uns an Passformen, die aktuell im Markt funktionieren, keine Extreme darstellen und einigermaßen massenkompatibel sind. Nicht zu eng, nicht zu niedrig oder zu hoch in der Leibhöhe. Die entwickeln wir dann nach unseren Bedürfnissen. Antrieb ist immer noch der Wunsch die Hosen selber zu tragen. Wenig Schnick-Schnack, dafür hochwertige Materialien. Ein Tapered Fit, also schmaler werdend ab dem Knie ist deshalb logisch gewesen und ein gerader Schnitt unter den auch ein hoher Boot passt ebenso. Eine enge Form durfte auch nicht fehlen. Damit hat man eigentlich die meisten Kunden einigermaßen abgedeckt. Super Slim-Fits, spaßige Verarbeitungen, Stretchqualitäten und dergleichen überlassen wir den Modemarken. Bei uns sieht die Hose eher so aus, wie vor ein paar Jahrzehnten. Mit den Verarbeitungsstandards von damals. Verdeckte Gesäßtaschennieten, Selvedge Webkante vom historischen Schiffchenwebstuhl, roh ohne Industriewäsche oder anderen Techniken, die Jeanshosen für die Modewelt marktfähig zu machen.

Box-Werk Custombikes: Der gestalterische Prozess entspringt einer ersten Vorstellung und der Idee über das Thema. Da geistert mir eher der Gedanke durch den Kopf, ob es ein Scrambler, Bobber, Tracker oder eine andere Richtung werden soll, natürlich immer nach dem Box-Werk Custombike Credo „weniger ist mehr“ und individuelle Klasse. Es ist wichtig das die Harmonie der Materialien und feiner Applikationen stimmen und konform gehen, es sollen alle Sinne angesprochen werden. Fast genauso wichtig ist, dass das Bike straßentauglich ist.

Matthias Knust – Fotografie MKF: Aktuell findet ein regelrechter Boom in Sachen „New Heritage“ in den Bereichen Mode, Motorrad und vielen anderen Disziplinen statt. Wie seht ihr diese Entwicklung?

Box-Werk Custombikes: Es ist schön ansehen und zu erleben, dass viele Menschen sich wieder für authentische und handgemachte Produkte begeistern. Ich denke der aktuelle Boom wird sich in unserer schönen neuen Welt zu einer Lebenseinstellung entwickeln, mit Luft nach oben.

Blaumann Jeans: Finden wir gut. Im April ist ja auch eine Endverbrauchermesse in München, die genau so heißt. Dort werden wir auch sein. Ist natürlich Zufall, dass wir zeitlich gerade in diesen Trend reingerutscht sind. Craft Beer ist ja auch so eine Geschichte, die sich super entwickelt. Dass wir Teil eines Trends werden, war uns nicht bewusst. Unser Ansatz war eher der, dass wir jetzt schon so lange in allen Ländern dieser Welt mit Jeans zu tun haben, dass wir einfach wieder zurück zu unseren Wurzeln wollten, und um zu sehen, ob man eine Jeans noch in Deutschland zusammengebaut bekommt.

War nicht so einfach das kann ich dir sagen.

Als ich angefangen habe 1992, gab es noch viele Tausend Teile Jeanskonfektion am Tag in Deutschland. War normal damals, hat aber niemanden besonders interessiert. Heute ist von dieser Industrie nichts mehr übrig, außer einigen Manufakturen. Wir arbeiten mit zweien zusammen, die uns mit den Blaumann Produkten auf den Markt schicken.

Blaumann Jeans und Box-Werk Custombikes

Matthias Knust – Fotografie MKF: „Made in Germany“ erlebt gerade ein gefühltes „Comeback“. Produziert bzw. achtet Ihr verstärkt darauf, dass alles was ihr herstellt mit diesem Etikett versehen ist?

Blaumann Jeans: Bis auf den Denim, also dem Jeansstoff, ist alles aus Deutschland. Etiketten, Knöpfe, Nieten, Taschenfutter, Garn. Zuschnitt und Konfektion sowieso. Der Stoff kommt aus Japan, das anerkannt beste Land für historischen Denim. Sehr hochwertig, sehr limitiert und teuer. Deutschland war nie ein großer Standort für Denimwebereien. In der Hochzeit der deutschen Jeanskonfektion kam der Stoff meist aus Italien.

Box-Werk Custombikes: Bei der Basis BMW sind wir grundsätzlich dabei, bei den alten Bikes ist das Label ja noch echt vertreten, jedenfalls im Segment Motorrad. Wenn man ein Bike neu aufbaut sind Zulieferer aus dem Ausland mit von der Partie, da verfälscht sich der eigentliche Gedanke grundsätzlich.

Matthias Knust – Fotografie MKF: Was habt Ihr neues in der Pipeline? Können wir uns auf neue Projekte freuen?

Box-Werk Custombikes: Box-Werk #3 ist in Arbeit. So viel sei gesagt, es wird haargenau passen. Mal so am Rande, weil wir nicht zu 100% zufrieden waren mit dem Grundfarbton vom aktuellen Gestell, wurde dieses um das finale Ergebnis zu haben 3x bearbeitet, jetzt ist es so, wir es für richtig empfinden, es ging wirklich nur um Farbnuancen, die einem letztendlich das richtige und fertige Gefühl bringen. Der Grundaufbau findet derzeit statt, lasst euch überraschen, wir haben richtig Bock auf dieses Kraft-Projekt.

Blaumann Jeans: Wir versuchen als neues Projekt in 2017 den Denim zum Teil aus Deutschland zu beschaffen, dass bedeutet der Denim soll in Deutschland gewebt werden. Das versuchen wir mit einer Firma, die sich 2 alte Schiffchenwebstühle für Denim hinstellt, die Maschinen wurden aus Asien zurückgekauft und in kleinem Umfang weben wird. Auch für diese Firma ist das dann mehr ein ambitioniertes Unterfangen, als ein knallhart durchkalkuliertes Projekt. Ist genauso eine Schnapsidee, wie die Jeans am Anfang. Es sind aber Leute vom Fach dabei. Wie die Geschichte ausgeht, kann kein Mensch sagen. Wir sind guter Dinge und weiter mit Lieb und Herzblut an Blaumann Jeans dran.

Blaumann Jeans

Box-Werk Custombikes

Written by Matt Knust